Zum Betreuungsgeld

Gastbeitrag für die MZ von Henrike von Platen, Präsidentin des BPW Germany e.V.
„Das Betreuungsgeld ist eine gleichstellungspolitische Katastrophe“
26.11.12

Berlin. Anlässlich des Bundestagsbeschlusses zur Einführung des Betreuungsgeldes erklärt Henrike von Platen, Präsidentin der Business and Professional Women (BPW) Germany:

„Die Einführung des Betreuungsgeldes ist ein Schritt zurück ins vorige Jahrhundert. Seit Jahrzehnten setzt sich Gleichstellungpolitik dafür ein, Frauen in ihrer Berufstätigkeit und eigenständigen Existenzsicherung zu stärken. Auch das neue Unterhaltsrecht fordert von beiden Partnern, Frauen wie Männern, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen – und das auch mit Kindern. Künftig sollen Eltern nun dafür bezahlt werden, auf eine Berufstätigkeit zu verzichten und ihre Kleinkinder zu Hause zu erziehen. Studien und die Erfahrung zeigen aber unmissverständlich: Wer länger als ein Jahr aus dem Beruf aussteigt – und meist trifft dies auf Frauen zu-, hat mit eklatanten lebenslangen Lohneinbußen und einem Karriereknick zu rechnen.

Ab dem 1. August 2013 sollen Eltern, die ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr nicht in eine Kindertagesstätte bringen, zunächst 100, ab 2014 150 Euro erhalten. Gleichzeitig beginnt der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für Kinder ab einem Jahr. Schon jetzt warnt der Deutsche Städte- und Gemeindenbund, dass der Bedarf die vorhandenen Krippenplätze bei Weitem übersteigen wird. Denn die Realität moderner Familien sieht anders aus, als die Befürworter des Betreuungsgeldes uns glauben machen wollen. Männer und Frauen wollen heute ihrem Beruf nachgehen und finanziell auf eigenen Beinen stehen. Eltern brauchen keine 150 Euro im Monate, sie brauchen Betreuungsplätze. Oder soll das Betreuungsgeld nur eine drohende Klagewelle abmildern, weil das Versprechen nach Kleinkindbetreuung nicht eingehalten werden kann?

Es kann nicht das Ziel einer modernen Gleichstellungspolitik sein, neben Ehegattensplitting und kostenloser Mitversicherung in der Krankenkasse einen weiteren finanziellen Anreiz für Frauen zu schaffen, nach der Geburt eines Kindes über Jahre zu Hause zu bleiben. Das Betreuungsgeld stärkt nicht die Wahlfreiheit von Familien, sondern lediglich die althergebrachten Rollenbilder des männlichen Allein-Verdieners und der geringfügig beschäftigten, vom Ehemann finanziell abhängigen Ehefrau. Denn wer kann es sich für 150 Euro im Monat leisten, nicht arbeiten zu gehen? Das sind entweder Ehefrauen gut verdienender Männer (die dringend darüber aufgeklärt werden müssten, in welche finanzielle Abhängigkeit sie sich manövrieren) oder Frauen aus den unteren sozialen Schichten, für die das Betreuungsgeld ein finanzieller Anreiz wäre, auf eine Kindertagesstätte zu verzichten. Gerade Kinder dieser Familien profitieren jedoch von einer frühkindlichen Förderung.

Der Ausbau der Kinderbetreuung ist eine dringend erforderliche Investition in die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Das Betreuungsgeld schadet ihr. Unternehmen sind heute auf das Potenzial von Männer UND Frauen angewiesen, Familien auf das Einkommen beider Elternteile. Wer die Geburtenrate in Deutschland erhöhen will, muss Eltern in ihrer Berufstätigkeit unterstützen und sie nicht davon abhalten. Der BPW Germany, der sich seit seiner Gründung für gleiche Chancen für Frauen und Männer einsetzt, verurteilt das Betreuungsgeld deshalb aufs Schärfste. Die Einführung der Herdprämie ist eine gleichstellungspolitische Katastrophe.“

 
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